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Berufsstart per Zeitarbeit

Bericht aus "SPIEGEL ONLINE" v. 04.07.2005

Biss in den süßsauren Apfel

Von Peter Ilg

Einst hatten Zeitarbeitsfirmen ein Schmuddelimage und galten als Arbeitgeber dritter Wahl. Inzwischen brummt ihr Geschäft wegen der schlechten Arbeitsmarktlage. Auch für akademische Berufseinsteiger ist Leiharbeit eine echte Option - und am Ende winkt oft die Übernahme in eine feste Stelle.

Zeitarbeit: Weg vom schlechten Ruf [M]DPA;mm.de

Hunderte von Rohren für die unterschiedlichsten Versorgungssysteme braucht Airbus für den neuen Großraumflieger A 380 - Rohre für Sauerstoffmasken, Klimaanlage, Hydraulik, Brauch- und Abwasser sowie die Treibstoffversorgung. Die Pfalz-Flugzeugwerke in Speyer bauen die Metallrohre für den Flieger. "Ich sorge in der Fertigungssteuerung dafür, dass wir unseren Kunden Airbus in kürzester Zeit bedienen können", beschreibt Gregor Emmert, 30, seinen Job. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe für den Maschinenbau-Ingenieur, zumal er bei den Flugzeugwerken als Leiharbeiter zum Einsatz kommt - denn wer lässt sich schon gern von einem Außenstehenden etwas sagen.

Emmerts Arbeitgeber ist der Ingenieur Konstruktions Service GmbH (IKS). Vor einem Jahr hat Emmert bei der Firma begonnen. Sie leiht ihre Mitarbeiter im Rahmen der "Arbeitnehmerüberlassung" an Firmen aus. Dieses Modell kam Mitte der fünfziger Jahre aus den USA nach Deutschland und war hier lange Zeit eine Grauzone. In den siebziger Jahren regelte der Bundestag den Verleih von Arbeitskräften. Zunächst war Personalleasing stark reglementiert und die Überlassungsdauer auf drei Monate beschränkt. Mittlerweile ist das Gesetz stark liberalisiert, zeitliche Beschränkungen sind so gut wie nicht mehr vorhanden.

Gregor Emmert hat im Arbeitsalltag viel Abwechslung. Es kann durchaus sein, dass er nach seinem Einsatz in Speyer für vier Wochen nach Berlin muss und anschließend sechs Monate im Schwarzwald ist. "Ich habe weder eine eigene Familie noch andere große Verpflichtungen", sagt er. Jetzt sei er im richtigen Alter, um so viel wie möglich an beruflicher Erfahrung zu sammeln - in unterschiedlichen Firmen, Branchen und Orten. "So etwas geht doch nur in der Zeitarbeit", ist er überzeugt.

Kandidatentest durch verlängerte Probezeit

Würde Emmert als Festangestellter häufig wechseln, wäre das ein Manko in seinem Lebenslauf. Als Zeitarbeiter ist das ganz anders. Zudem werden viele der ausgeliehenen Mitarbeiter über kurz oder lang von den Kunden übernommen. Insider sprechen hier von einer Quote von über 50 Prozent. Die Unternehmen nutzen häufig die Möglichkeit, die Kandidaten in einer Art verlängerter Probezeit ausgiebig zu testen.

Grafik: Zeitarbeiter nach Branchen (2003)

Noch vor wenigen Jahren hatten Zeitarbeitsfirmen ein schweres Imageproblem. Sie galten als Arbeitgeber zweiter oder dritter Wahl, als Verschiebebahnhof: Mitarbeiter traten ihre Stelle schon in der Hoffnung an, möglichst rasch wieder wegzukommen. In erster Linie waren es ungelernte oder angelernte Kräfte, bestenfalls Facharbeiter, die sich als Leiharbeiter verdingten. Das alles ist Vergangenheit. "Zeitarbeitsfirmen haben sich zu einer ernst zu nehmenden Option auch für akademische Berufseinsteiger gemausert", sagt Beate Raabe, Arbeitsmarktexpertin in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn.

Bei allen Ingenieurberufen hat die Behörde 2004 festgestellt, dass der Anteil von Stellenangeboten durch Zeitarbeitsfirmen zugenommen hat. Die Absolventen haben offensichtlich ihre Berührungsängste abgebaut. Doch beim Gehalt liegen die meisten weit hinter dem zurück, was in anderen Unternehmen bezahlt wird. Die Tarife der Interessengemeinschaft Zeitarbeit (IGZ) sind im Vergleich etwa zum Tarifvertrag in der Metallindustrie sehr mager.

Arbeitsuchende scheint das kaum noch abzuschrecken: Viele beißen in diesen sauren Apfel, wenn Unternehmen nur zögerlich Personal einstellen. Die Firmen holen sich meist für anstehende Projekte Leiharbeiter ins Haus - läuft das Projekt gut, übernehmen sie den Zeitarbeiter.

"Endlich zeigen, was ich kann"

So weit ist es bei Claudia Lenkner, 28, erst gar nicht gekommen. Nach ihrer Ausbildung als Industriekauffrau hatte sie ein Betriebswirtschaftsstudium drangehängt, zweifelte nach dem Abschluss aber, ob das richtig war. Denn sie fand trotz intensiver Suche keinen Job. Nach einem halben Jahr der Arbeitslosigkeit bewarb sie sich als Zeitarbeiterin bei der Deutschen Industrie Service AG (DIS), "um endlich in einer Firma unterzukommen und zeigen zu können, was ich kann".

Claudia Lenkner: Schaffte den Direkteinstieg als Festangestellte

Lenkner hatte die Hoffnung, so den Berufseinstieg als Festangestellte zu schaffen. Dann kam alles anders. Die Reich Spezialmaschinen GmbH wollte sie selbst einstellen, als sie von DIS als Leiharbeiterin vorgeschlagen wurde. Seit Anfang Mai arbeitet Claudia Lenkner im Controlling des Herstellers von Spezialmaschinen zur Holzbearbeitung.

Die DIS AG ist spezialisiert auf qualifizierte Zeitarbeit für Fach- und Führungskräfte. Bundesweit sucht das Unternehmen derzeit 850 Mitarbeiter, davon etwa 300 aus den Bereichen Wirtschafts- und Geisteswissenschaften. "Wir haben bei Akademikern mit solchen Qualifikationen die Erfahrung gemacht, dass die Kunden vorrangig Young Professionals mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung suchen", so der DIS- Vorstandsvorsitzende Dieter C. Scheiff. Denn in diesen Bereichen gebe es genügend akademischen Nachwuchs. Bei Ingenieuren sehe das anders aus: Weil der Nachwuchs knapp und die Nachfrage hoch sei, würden auch Anfänger genommen.

Diese Erfahrung hat auch Gregor Emmert gemacht. Bei zehn Bewerbungsschreiben wurde er zu sieben Vorstellungsgesprächen geladen - zwei in regulären Firmen, fünf bei Zeitarbeitsunternehmen. Das letzte war bei IKS, seinem jetzigen Arbeitgeber. "Erfahrungen kann man nie genug haben", heißt seine Haupterkenntnis.

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